Berchem, Nicolaes

Geburtsdatum und -ort unbekannt (getauft am 1. Oktober 1620 zu Haarlem), gestorben am 18. Februar 1683 in Amsterdam, evangelisch-(alt-)reformiert, Maler und Radierer

Vor vier Jahrhunderten wurde im münsterländischen Burgsteinfurt ein gewisser Pieter Claesz. (= Claeszoon) geboren. Sein niederländischer Name ist so zu verstehen: er hieß Pieter (= Peter) und war der Sohn des Claes (= Nikolaus). Leider wissen wir wenig über das Leben dieses Mannes, der einer der größten niederländischen Maler von Stilleben in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts werden sollte. In einem Dokument vom September 1640 wird er als dreiundvierzig Jahre alt bezeichnet, so daß er 1596 oder 1597 geboren sein dürfte. Um Mai 1617 - er war damals schon verheiratet - lebte er in der holländischen Stadt Haarlem, seinerzeit ein wichtiges Malerzentrum der nördlichen Niederlande. Zu dieser Zeit existierte noch kein Standesamt, so daß der Zeitpunkt seines Todes nur anhand kirchlicher Quellen festzustellen ist: er wurde am 1. Januar 1661 in Haarlem beerdigt.

Nicolaes Berchem war ein Sohn dieses Pieter Claesz. und seiner Ehefrau Geertje Hendriksdr. (= Hendriksdochter, die Tochter des Hendriks). Der Sohn nannte sich aber nicht Claes Claesz., wie es nahe gelegen hätte, sondern Nicolaes oder Claes Berchem (das Tragen eines Beinamen war damals üblich, obwohl sein Vater sich offenbar dessen nicht bediente). In einer Zeit, in der es noch keine festen Rechtschreibregeln gab, finden sich auch Varianten von seinem Vor- und Beinamen wie Nicolaes Berchen, Niclas Berghem, Claes Berighem und Nicolaes Berrigham. Er signierte seine Gemälde meist mit Berchem, wobei als Varianten auch Berghem (in seinen frühen Jahren), Berighem und Berrighem vorkommen. Zuweilen wird diese Beinamensignatur von einem vorangestellten C oder - selten - von CP begleitet, nach 1660 in der Regel von einem N. Für eine komische Auslegung der Bedeutung des Names Berchem möchte ich auf meinen Aufsatz "Niederländische Maler und Zeichner sehen die Grafschaft Bentheim vom 17.-20. Jh. (I)" verweisen. Wie von seinem Vater, so ist auch von Nicolaes kein Geburtsdatum bekannt; wohl wissen wir, daß er am 1. Oktober 1620 zu Haarlem getauft worden ist. Nach dem bekannten Maler, Radierer und Kunstschriftsteller Arnold Houbraken (1660-1719) hat sein Vater ihn in die Anfangsgründe der Malerei eingeführt. Der ebenso wie Houbraken in Dordrecht geborene und in Amsterdam gestorbene Autor und Buchhändler Johannes Immerzeel (1776-1841) fügt an der Mitteilung Houbrakens hinzu, daß Pieter Claesz. schon frühzeitig darauf bedacht war, die Ausbildung seines Sohnes fähigen Händen anzuvertrauen. Houbraken nennt eine Reihe von Künstlern, die zu den Ausbildern Berchems gehört haben sollen: der Landschaftsmaler Jan van Goyen (Leiden 1596 - Hag 1656), der Porträt-, Historien- und Landschaftsmaler Claes Cornelisz. Moeyaert (Amsterdam 1592 oder 1593 - Amsterdam 1655), der Historien- und Allegorienmaler Pieter Fransz. Grebber (Haarlem um 1600 - Haarlem 1652 oder 1653), sein späterer Schwiegervater, der Landschaftsmaler Jan Wils (um 1600 - Haarlem 1666) und sein etwas jüngerer Vetter, der Maler von italienischen Landschaften und Volksszenen Jan Baptist Weenix (Amsterdam 1621 - Huis ter Mey(e) bei Utrecht vor November 1663).

Der Sohn des Pieter Claesz. trat im Juni 1642 der Haarlemer Lukasgilde, einer Malerzunft, bei. Dann schweigen die Quellen bis zu seiner Heirat im Jahre 1646. Anschließend dauert es wiederum zehn Jahre, bis er erneut in der Spaarnestadt erwähnt wird. Um 1660 war er vorläufig und 1677 endgültig nach Amsterdam umgesiedelt, wo er am 18. Februar 1683 starb. Er hatte 1646 in Haarlem Catrijne Claesdr. de Groot geheiratet und bald darauf als Witwer in zweiter Ehe die Tochter des Landschaftsmalers Jan Wils. Über Kinder aus diesen Ehen ist nichts bekannt, doch wird ein Nicolaes van Berchem (Haarlem 1649 (?) - Paris 1671 oder 1672) als sein Sohn vermutet.

Das Rätsel seines Aufenthalts in der unbekannten Periode von 1646 bis 1656 kann teilweise gelöst werden. Eine Kreidezeichnung im Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main, die unten links die Signatur und Jahreszahl Berchem f. (= fecit, hat sie gemacht) 1650 trägt, zeigt in der Ferne die Burg Bentheim. Ein oder zwei Gemälde mit dem gleichen Thema datieren jedoch aus dem Jahr 1656. Dieser scheinbare Widerspruch läßt sich gut erklären. Maler waren in dieser Zeit gewohnt, an Ort und Stelle Zeichnungen zu machen und diese Skizzen erst später - sogar viel später - in der Komposition von Gemälden zu benutzen. So darf angenommen werden, daß Berchem die Zeichnung in Bentheim gemacht hat und das (oder die) Gemälde in seiner Werkstatt in Haarlem anfertigte. Nach dem oben schon genannten Immerzeel soll Berchem im Bentheimischen nicht nur gearbeitet, sondern sogar eine Zeit lang gewohnt haben.

Heute ist nur von einem gemalten Werk Berchems mit einer Darstellung der Burg Bentheim der Aufenthaltsort bekannt. Es findet sich in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (Gemäldegalerie Alte Meister, unter Inv. Nr. 1481) und ist unten links signiert und datiert. Die Signatur läßt sich lesen als: Berchem ft (oder f), von der Datierung waren 1980 - als ich das Gemälde zum letzten Mal gesehen habe - nur noch die ersten zwei Ziffern und die untere Hälfte der dritten Ziffer identifizierbar.

Houbraken charakterisiert Berchem als "liebenswürdig, höflich, und von unbescholtenem Lebenswandel: Ja ein Mann von ausgezeichneter Arbeitsamkeit". Berchem gilt in der Kunstgeschichte als der bekannteste Vertreter der ausländisch, zumal italienisch orientierten Richtung in der niederländischen Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts, deren zweiter Künstlergeneration er angehörte. Diese Richtung wurde damals sogar mehr geschätzt als die einheimische etwa von Jan van Goyen (1596-1656) und Salomon van Ruysdael (1600/1603(?)-1670). Daraus und aus seiner großen Produktivität (etwa 850 Gemälde und 500 Zeichnungen) läßt sich erklären, daß Nicolaes zu den wenigen seinerzeit gut bezahlten Malern gehörte.

Wie damals üblich, hat Berchem zweifellos Bildungsreisen nach Italien gemacht (Reisen werden um 1626 und in den Jahren von 1651 bis 1653 vermutet). Wie Hofstede de Groot schon bemerkte, hat er sein ganzes Leben die in diesem Land empfangenen Eindrücke in seinen Schöpfungen verwendet und mit unendlichen Variationen wiederholt. Berchem ist vor allem bekannt wegen seiner oft italienisch geprägten malerischen Landschaften mit Hirten und Vieh, die bis etwa 1680 seinen thematischen Schwerpunkt bilden. Aber der vielseitige Künstler schuf auch südliche Phantasiehäfen, Winterlandschaften, religiöse und mythologische Darstellungen, Allegorien, Jagdbilder, Räuberszenen und Genrestücke. Hoeben schildert in seinem gemalten Oeuvre folgende Entwicklung: anfänglich ergaben sich Einflüsse sowohl von den Bamboccianti, also von im zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts in Rom lebenden niederländischen, flämischen und italienischen Malern, die das Volksleben darstellten, und von einheimischen Landschaftsmalern [um 1650 zeigte sich eine große Verwandtschaft mit Jacob van Ruisdael (1628/29 (?) - 1682)]. Dann verselbständigte sich jedoch das Werk, und es entstand ein eigener Stil. Im Laufe der fünfziger Jahre nahm das Anekdotische ab und die italienischen Elemente zu; und schließlich bekamen Berchems Gemälde einen gekünstelten Charakter.

In der Nähe der Grafschaft Bentheim gibt es kein Werk Berchems zu sehen mit Ausnahme einer Dünenlandschaft mit Bäumen, einer Herde Vieh und Hirten im Rijksmuseum Twenthe zu Enschede (Inv. Nr. 71). Obwohl dieses Bild mit CBerghem signiert ist (und datiert mit 1643), ist es nicht in das von Hoeben veröffentliche Verzeichnis authentischer Werke aufgenommen.

 

Literatur (Auswahl)

Hermann Hagels, Die Gemälde der niederländischen Maler Jacob van Ruisdael und Nicolaas van Berchem vom Schloß Bentheim im Verhältnis zur Natur des Bentheimer Landes, in: JbHVGB 1968 (= Das Bentheimer Land Bd. 62), Nordhorn 1967, S. 41-52, besonders S. 50.

W.A.P. Hoeben, Art. Berchem, Nicolaes (Claes Pietersz.), in: Saur īs Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker Bd. 9, München/Leipzig 1994, S. 237-238 (mit Werkverzeichnis).

Cornelis Hofstede de Groot, Beschreibendes und kritisches Verzeichnis der Werke der hervorragendsten holländischen Maler des XVII. Jahrhunderts, IX, Esslingen a.N./Paris 1926, S. 52.

Arnold Houbraken, De Groote Schouburgh der Nederlantsche Kunstschilders en Schilderessen. Bd. II, Amsterdam 1719 (wortgetreuer Nachdruck Maastricht 1944), S. 86-90.

Johannes Immerzeel jr., De Levens en Werken der Hollandsche en Vlaamsche kunstschilders, beeldhouwers, graveurs en bouwmeesters, van het begin der vijftiende eeuw tot heden. Bd. I, Amsterdam 1842, S. 41-42.

Rolf Dieter Kamp, Jacob van Ruisdael, Nicolaes Berchem und Schloß Bentheim. Ein kunsthistorisches Beitrag über zwei holländische Landschaftsmaler des 17. Jahrhunderts, in: JbHVGB 1968 (= Das Bentheimer Land Bd. 62), Nordhorn 1967, 53-56, 56.

Zeno Kolks, Niederländische Maler und Zeichner sehen die Grafschaft Bentheim vom 17.-20. Jh. (I), in: BentJb 1995 (= Das Bentheimer Land Bd. 133), Bad Bentheim 1994, S. 49-53.

Lexikon der Kunst, Architektur, Bildende Kunst, Angewandte Kunst, Industrieformgestaltung, Kunsttheorie, Bd. 1, Leipzig 1987, S. 483.

Ilse von Sick, Nicolaes Berchem. Ein Vorläufer des Rokoko, Berlin 1930.

Seymour Slive, Dutch painting 1600-1800, New Haven/London 1995, S. 240-241.

 

Autor

drs. Zeno Kolks, Delden, Niederlande